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Zwanghaft gesund

Zwanghaft gesund

Wie man mit seiner Ernährungsweise auch übertreiben kann, davon habe ich in meinem letzten Blog „schmutziges Essen“ geschrieben. Heute möchte ich zwei Beispiele bringen, was so alles im Namen von „gesundem Essen“ passieren kann.

Vor einigen Jahren verschrieb sich ein amerikanisches Mädchen aufgrund von gesundheitlichen Problemen der veganen Ernährung. In ihrem Blog „The blonde vegan“ berichtete sie über ihr Essen und ihr Leben und wurde damit äußerst populär. Doch was nach außen hin nach einer perfekten Ernährungsweise aussah, hatte sich zu einer Zwanghaftigkeit entwickelt. Als sie nach einem Schwächeanfall begann, wieder Fisch zu essen – und das auf ihrem Blog kundtat - trat sie damit einen shitstorm erster Klasse los. Sie hatte die „vegane community“ verraten und bekam sogar Morddrohungen. Heute vertritt sie als „the balanced blonde“ einen gesunden Lebensstil und gesteht ehrlich ihre damalige Essstörung ein.

Als ich vor einiger Zeit auf youtube surfte um zu sehen ob es Neuigkeiten in Sachen Ernährung gibt, fiel mir das Video einer spirituellen Beraterin auf. Von ihr höre ich mir hin und wieder Beiträge an, und sie hat immer Interessantes zu sagen. Doch diesmal ging es nicht um den Inhalt. Als ich sie sah dachte ich mir „ist die Dame krank?“, weil ihr Gesicht sehr eingefallen und auch blass aussah. Doch im Gegenteil. In diesem Video erklärte sie, dass sie nach einer Fastenphase vor 5 Monaten ihre Ernährung auf vegane Biorohkost umgestellt hatte. Sie habe 8 kg abgenommen (obwohl sie das gar nicht vorhatte) und fühle sich super wohl. Sie habe aber – gestand sie ein – einige Freunde dadurch verloren und stößt bei vielen Menschen auf Unverständnis. 

Ja, man kann definitiv mit gesundem Essen übertreiben und sich sogar schaden. Die Essstörung Orthorexie (= eine krankhafte Fixierung auf gesundes Essen) kann manchmal ganz harmlos beginnen. Die Frage ist immer: Warum tue ich das was ich tue?

Möchte ich hip sein und dazugehören zur „community der schlanken, fitten, schönen, und glücklichen Menschen“? Möchte ich bewundert werden für meine Willenskraft? Möchte ich besonders aussehen (z. B. sehr dünn) und mich von den anderen abheben? Dominiert Essen mein Leben? Was wäre, wenn Essen und Ernährung nicht mehr so wichtig wären, würde dann ein Loch in meinem Leben entstehen?

Alles ist eine Frage der Balance. Gesundheit ist ein wichtiger Teil im Leben. Doch eben nur ein Teil. Genauso wichtig sind die Beziehungen die wir mit anderen Menschen haben. Ob wir zufrieden sind mit unserem Leben, ob unsere Arbeit Sinn macht, was wir alles noch herausfinden und spannendes entdecken möchten. Ob wir uns in unserer Welt wohl fühlen, Freude und Spaß haben. Ob wir morgens gerne aufstehen, ob unser Leben ausgefüllt ist und wir die schönen Momente genießen. Auch wenn uns das Leben Steine in den Weg legt, wir kämpfen und uns mutlos fühlen, können wir trotz Krisen und Schwierigkeiten unser Leben schön gestalten und das Beste aus jeder Situation machen. Wir können aber auch unser Leben damit vergeuden indem wir uns ständig Gedanken darüber machen was und wieviel wir essen. Oder welcher Diät wir folgen sollen, ob wir zu dick oder zu dünn sind und wie sehr wir noch unseren Körper optimieren müssen damit er „strandfähig“ ist.   

Natürlich hat jeder von uns das Recht, sich so zu ernähren wie er es für richtig hält. Gefährlich wird es jedoch, wenn wir uns Menschen als Vorbilder nehmen die möglicherweise gar keine echten Vorbilder sind. Und: Ob vegane Biorohkost, Paleo, Mischkost oder irgendetwas zwischendrin – Essen soll und darf nicht unser Leben dominieren.

Foto: Unsplash.com

 

Martina Tischer

02.05.2018