food and soul

Tatort Schwimmbad

Es ist ein strahlender Sonntagmorgen. Vor mir liegt ein ganzer, langer Tag ohne Verpflichtungen. Am Nachmittag möchte ich entspannen und mein Buch zu Ende zu lesen. Doch zuerst ist Bewegung angesagt. Und nachdem die Sonne schon ziemlich kräftig vom Himmel strahlt, brauche ich nicht lange zu überlegen. Es geht ab ins Schwimmbad. Ich schnappe mir meinen Drahtesel und radle die vier Kilometer zum nächsten Ort. Dort liegt ganz idyllisch ein wunderschönes, großes Freibad, mit Rutsche und extra Pool für die Kinder, und mit einem großen Becken für die Schwimmer. Ich habe mir schon vor einiger Zeit eine Badekappe besorgt, und eine Schwimmbrille. Denn ich will nicht nur ein bisschen herumplantschen, sondern wirklich schwimmen.

Als ich im Bad ankomme, ist noch sehr wenig los. Ich ziehe mich um und geselle mich zu den beiden anderen Schwimmern, die schon zielstrebig ihre Längen schwimmen, ins Becken. Das Wasser ist ziemlich frisch. Rasch ziehe ich meine Badekappe über und adjustiere die Schwimmbrille. Ich stoße mich vom Beckenrand ab und tauche tief ein. Ich liebe es, im Wasser zu sein! Ich liebe es, zu schwimmen - schwimmen ist für mich Meditation in Bewegung. Sofort vergesse alles rund um mich, höre nur das Gurgeln des Wassers und meinen eigenen Atem. Mit jedem weiteren Tempo das ich mache werden Anspannung und trübe Gedanken weggespült. Bis nichts mehr übrig bleibt außer Frieden. Im Wasser fühle ich mich wie eine Meerjungfrau, leicht, frei und sorglos.

Nach 30 min zügigem Schwimmen bin ich ziemlich erschöpft. Und glücklich. Ich gehe raus aus dem Wasser, stelle mich unter die kalte Dusche und wickle mich in ein großes Badetuch. Dann setze ich mich auf eine Bank und lasse mich von der Sonne wärmen. In der Zwischenzeit hat sich das Bad schon gut gefüllt und es herrscht ein buntes Treiben. Kinder mit ihren Eltern, junge Paare, Teenager und Senioren – jede Altersklasse ist vertreten. Und auch jede Gewichtsklasse und Körperform. Rundlich, dünn und irgendwo dazwischen. Hier ein Mann mit Bauch und dort eine Dame mit kräftigen Oberschenkeln, ein schlankes Mädchen und ein pummeliger kleiner Junge. Alle genießen sie das Wasser und die Sonne. Alle sehen sie glücklich und zufrieden aus, wohl mit sich und ihrem Körper. Jeder Mensch in seiner Besonderheit, keiner ähnelt dem anderen im Aussehen, und doch strahlt jeder Mensch seine eigene Schönheit aus. Hier im Schwimmbad findet das richtige Leben statt. Ein gutes Leben, wo jeder sein darf wie er ist.

Ganz anders als in der „virtuellen Welt“ die täglich über die sozialen Medien, über Fernsehen und Zeitschriften an uns herangetragen wird. Dort braucht es eine perfekte Bikinifigur um dazuzugehören, um gemocht zu werden und um sich gut zu fühlen. Dieser Trend, der sich „Lookism“ nennt (das Aussehen als Indikator für den Wert einer Person) greift um sich wie ein ansteckender Virus. Da finden wir „Bodyshaming“ und sonstige kuriose Dinge, die in den Köpfen wuchern wie Unkraut im Gemüsebeet. Der „Thigh gap“ - so dünne Beine, dass ein Spalt dazwischen zu sehen ist - vom letzten Jahr wurde heuer durch den „Toblerone Tunnel“ abgelöst. Dieser neue Hype bezeichnet das Dreieck zwischen Oberschenkel und Bikinihöschen.

Was für eine verkehrte Welt, die hier entstanden ist. Andererseits, wir müssen ja dabei nicht mitmachen. Hungern, trainieren bis zum Umfallen und einem Ideal nachlaufen dass immer einige Schritte vor uns ist. Um letztendlich zu erkennen, dass es so etwas wie einen „perfekten Körper“ gar nicht gibt. Mein Motto ist schon lange „compair and despair“ – vergleiche und verzweifle. Sobald wir uns an den andern Menschen und an künstlich geschaffenen Trends orientieren um daraus unseren Wert zu erhalten, haben wir verloren. Dabei wäre es so einfach: Wir sind schon wertvoll, wir brauchen es nicht durch unser Aussehen beweisen. Den Körper den wir haben, ist unser einzigartiger, besonderer Körper. Unsere Aufgabe ist es, liebevoll mit ihm umzugehen, ihm Freundlichkeit entgegen zu bringen und dankbar dafür zu sein, dass wir ihn haben.

Ich komme mit meinen Gedanken wieder zurück in die Gegenwart, in die Realität, zurück auf die Bank im Schwimmbad. Mein Badeanzug ist trocken, ich bin aufgewärmt von der Sonne. Ich werde jetzt meine Sachen zusammenpacken und nach Hause radeln. Mir ein gutes Mittagessen kochen und weiter den freien Sonntag genießen. Mit einem Buch in der Hollywoodschaukel, unsere treue Hündin zu meinen Füßen.

Aber da war noch was……ach ja, der Toblerone Tunnel….Ich könnte mir als Dessert durchaus eine Rippe Schokolade genehmigen. Mein „Toblerone Tunnel“ ist der Mund :-) !

 

Foto: unsplash.com

Martina Tischer

26.06.2018