food and soul

Stillstand

Stillstand

Da wollte ich nun voll motiviert mit meinem neuen Buch in die Welt hinausgehen und mit Freude meine neuen Erfahrungen und meine Expertise in Sachen Fasten und Ernährung an den Mann und die Frau bringen – UND DANN DAS! Ein kleiner Virus stellt die ganze Welt auf den Kopf und legt sie lahm. An berufliche Dinge ist deshalb gerade nicht zu denken. Sogar der Artikel, den ich für ein Magazin schreiben wollte, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Vielleicht gibt es dieses Magazin bald gar nicht mehr. Gesunde Ernährung, Fasten, ein gutes Leben? Weit weg von der momentanen Realität der Menschen. Zurzeit beherrschen die Angst vor Ansteckung, Hamsterkäufe, Ausgangsverbote und wegfallende Jobs die Nachrichtenkanäle.

Ich beobachte mein Umfeld, ich beobachte mich. Wie gehen wir alle mit dieser Krise um? Das Interessante ist, dass sich für mich nicht viel geändert hat. Ich habe die letzten Monate sehr zurückgezogen gelebt. Warte ich halt noch ein bisschen, bis ich meine sozialen Kontakte aufleben lassen und meine Freunde wiedersehen kann. Auch meine geliebte Stadt muss warten - wobei es dort momentan sowieso nicht lustig ist. Alles runtergefahren, das Leben auf ein Minimum reduziert. Meine beruflichen Ambitionen werden einmal bis Ostern auf Eis gelegt, auch wenn mein Kontostand schon ziemlich traurig anzusehen ist. Früher hätte ich mich von der teilweisen Panikmache und der Verunsicherung anstecken lassen. Ich hätte mich von der Angst lähmen lassen, hätte mich mit Tiefkühlpizza und Schokolade eingedeckt, mich in meiner Wohnung verbarrikadiert und mich mit amerikanischen Krimiserien abgelenkt. Früher hätte ich Vogel Strauß gespielt und gewartet bis alles vorbei ist und dann irgendwie weitergemacht.

Doch jetzt zeigt sich, dass die intensive Auseinandersetzung der letzten Jahre mit mir, meinem Leben, meinem Innenleben, meinen unbewussten Schattenanteilen und meinen Ängsten Früchte getragen hat. In mir sind ein tiefer Frieden, eine sanfte Freude und eine starke Kraft, die durch nichts, was im Außen passiert, gestoppt werden kann. Mit dieser inneren Ruhe und Gelassenheit begegne ich nun dem Leben und tue, was eben gerade zu tun ist. 

Ich erledige Einkäufe für meine Eltern, hole für sie Medikamente aus der Apotheke. Ich beobachte, wie die Menschen unterschiedlich auf diese unvorhergesehene Situation reagieren, manche ängstlich, manche tief verunsichert, andere wiederum genervt - doch alle müssen sich damit auseinandersetzen, dass Strukturen zusammenbrechen und die scheinbare Kontrolle über ihr Leben nur eine Illusion ist. Meine Nichte Emily braucht Betreuung für den Heimunterricht. Wie war das noch einmal mit dem Berechnen der Quadratwurzel? Und das ganze ohne Taschenrechner? Habe ich das jemals gekonnt? Emily ist samt Hund zu uns gezogen. Ihre Mutter ist voll im Einsatz. Sie gehört zum unermüdlich arbeitenden Krankenhauspersonal, dass sich mit Schutzkleidung und Maske um die Coronafälle kümmert und mithilft, unser Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten. Ich beobachte den Krankenwagen, der eben vor dem Haus meines sich in Quarantäne befindlichen Bruders geparkt hat. Er wird auf den Virus getestet, auf seiner Station im Krankenhaus lag ein infizierter Patient. 

Die Zeiten sind herausfordernd, für jeden von uns, doch wir haben es in der Hand, wie wir darauf reagieren. Lassen wir uns von fake News im Internet Angst machen oder lesen wir lieber ein gutes Buch? Diese Krise ist auch eine große Chance. Denn immer mehr von uns erkennen, dass unser Wohlbefinden nicht bei der eigenen Haustür aufhört und es um mehr geht als um die Erfüllung unsere persönlichen Wünsche. Wir leben nicht allein auf einer Insel. Wir sind eine große Gemeinschaft und nicht voneinander getrennt! Jeder von uns hat die Aufgabe, dem anderen mitfühlend, friedlich und respektvoll gegenüber zu treten. Dort zu helfen, wo es möglich ist - jedoch immer darauf bedacht, auf sich selbst zu achten und sich nicht in den Geschichten der anderen zu verlieren. 

Nutzen wir den Stillstand im momentanen Alltag dazu, um uns gut um uns Selbst, unsere Lieben und unsere Nachbarn zu kümmern. Werden wir uns bewusst, dass letztendlich alles, was passiert, zu unserem Besten ist (auch wenn wir es momentan nicht sehen können). Und vor allem: Vertrauen wir darauf, dass wir sicher, gestärkt und mit wertvollen Erfahrungen aus dieser Krise herauskommen werden!

Martina Tischer

24.03.2020