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Ostern einmal anders

Ostern einmal anders

Das Leben geht weiter, trotz Corona. Jeder gibt sein Bestes, sich an die Maßnahmen wie Hände waschen, Abstand zum Nächsten und eine Schutzmaske im Supermarkt tragen zu halten. Ich beobachte, wie viele Menschen durch die veränderten Umstände auch in eine persönliche Krise geworfen werden. Denn es geht um viel mehr als um den Virus. Das eigene Leben wird hinterfragt und manche erkennen, dass in einigen Bereichen ihres Lebens der Wurm drinnen ist. Es ist gut, dass die Menschen durch die Krise gezwungen sind, nachzudenken und bewusster werden. Aber durch eine Krise zu gehen ist kein Zuckerschlecken, und es kann ziemlich herausfordernd sein.

Auch für mich wird es holprig. Am Palmsonntag ist noch alles so weit in Ordnung. Meine Schwester Simone und ich nutzen das wundervolle Frühlingswetter, um in die Natur zu gehen. Über zwei Stunden wandern wir durch die Wiesen und Wälder, nur in der Ferne sehen wir ein Paar, dass sich auf einer Bank neben dem Weg ausruht. Der Himmel ist strahlend blau, kein einziges Flugzeug ist zu sehen. Die Natur atmet durch und atmet auf, sie genießt den Stillstand ihrer Bewohner. Nach der Wanderung setzen wir uns ins Wohnzimmer meiner Eltern, trinken Kaffee, essen Kuchen und plaudern. Auch meine Nichte Emily ist dabei. Sie ist wegen der geschlossenen Schule bei mir untergebracht und muss sich mit mir als Lehrerin begnügen. 

Am nächsten Tag ruft mich Simone an. Eine Kollegin von ihr ist positiv auf den Virus getestet worden, und die ganze Abteilung ist angehalten, sich ab jetzt nur noch entweder in der Arbeit oder zu Hause aufzuhalten. Da meine Schwester seit dem Morgen einen leichten Schnupfen verspürt, wird sie am frühen Nachmittag heimgeschickt. Eine Stunde später steht schon ein Sanitäter im Schutzanzug vor ihrer Tür, um einen Covid-19 Test zu machen. Das Ergebnis wird ihr knapp 24 Stunden später mitgeteilt. Simone ist positiv. 

Danach überschlagen sich die Ereignisse. Nachdem meine Schwester am Vortag sowohl mit ihrer Tochter, meinen Eltern und mir zusammen war, sind wir nun auch betroffen. Die Gesundheitsstelle des Bezirkes ruft mich an, und unser Kontakt mit einer „infizierten Person“ wird genau beleuchtet und dokumentiert. Ich laufe zwischen Telefon, Computer im Büro und der Wohnung meiner Eltern hin und her. Keiner kennt sich so richtig aus, meine Eltern sind sehr verunsichert und machen sich Sorgen, auch um meine Schwester. Einige Stunden später kommt schon der Bescheid. Aufgrund unserer „Hoch-Risiko-Exposition mit der Lungenerkrankung Covid-19“ wird die Absonderung in unseren Räumlichkeiten in häuslicher Quarantäne angeordnet. 

Wir dürfen ab nun ganze zwei Wochen unsere Wohnung nicht mehr verlassen. Das Gute daran ist: Wir wohnen nicht auf 40 Quadratmeter, sondern in zwei Wohnungen in einem großen Haus, zu dem einen riesiges Grundstück mit Garten gehört. Doch wieder einmal ist es nicht die Situation selbst, die Angst macht, sondern die Geschichte, die in den Köpfen konstruiert wird. Tief vergrabene und immer wieder unterdrückte Emotionen und Familiendynamiken geraten an die Oberfläche und werden durch die Luft gewirbelt. Obwohl wir alle keine Symptome zeigen, macht sich am Ende der ersten Woche der Lagerkoller breit. Es knallt heftig in unserer Quarantäne-Gemeinschaft. Auch ich gerate mit meiner positiven Einstellung und meiner Gelassenheit an meine Grenzen. Doch wir schaffen es irgendwie drüber und gehen uns einen Tag lang aus dem Weg, bis sich die Wogen wieder geglättet haben.  

Diesmal ist Ostern anders, und dadurch so besonders. Wo sich ansonsten meine ganze Familie mit über 20 Personen zusammenfindet, um zu feiern, bleiben alle dort, wo sie sind. Die letzten Jahre war Ostern für mich zwar immer sehr schön, aber auch ziemlich stressig. Heuer ist es ruhig und friedlich. Ich backe Osterhasen aus Germteig und Kekse in Schmetterlingsform und verteile sie an meine Quarantäne-Mitbewohner. Am Ostersonntag habe ich endlich Zeit, um mich auszuruhen. Ich entspanne in der Hollywoodschaukel, lausche dem Zwitschern der Vögel und beobachte meine treue Hündin Julie. Sie liegt auf der Wiese, genießt die warmen Sonnenstrahlen und hat keine Ahnung, dass die ganze Welt in einer Krise steckt. Meine innere Balance ist wiederhergestellt, meine Lebensfreude kehrt zurück. Gemeinsam mit der Gewissheit, dass alles gut wird!

Martina Tischer

14.04.2020