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Die ideale Bikinifigur

Die ideale Bikinifigur

Die von einem winzigen Virus ausgelöste Krise ist noch nicht vorbei, doch schön langsam kommt wieder Leben ins Leben. Wie viele andere Menschen die selbständig arbeiten muss auch ich mich jetzt neu orientieren und herausfinden, welche beruflichen Türen sich öffnen und welche für immer geschlossen bleiben. Unsicherheit liegt in der Luft, aber auch die Vorfreude auf neue Erfahrungen und Erlebnisse.

Um in den wiedererwachenden Alltag und den aktuellen Themen der Zeit einzutauchen, setze ich mich mit meinem Morgenkaffee vor den Bildschirm. Die Nachrichten werden gerade beendet und es geht weiter mit Frühstücksfernsehen. Mit betrübtem Gesichtsausdruck kündigt die Moderatoren den nächsten Beitrag an: Der Kampf um die ideale Bikinifigur. Immerhin haben wir Anfang Juni, und wegen Corona hatten die Fitnessstudios geschlossen. Statt Workout im Studio gab es für viele Schokolade auf der Couch, um besser durch die Krise zu kommen. Ein Arzt ist als Studiogast geladen und gibt Tipps für gesunde Ernährung und das richtige Training zum perfekten Beachbody. Ach je, denke ich! Das Spiel mit dem schlechten Gewissen beginnt wieder. Ein Spiel, für das besonders Frauen (aber durchaus auch der eine oder andere Mann) äußerst anfällig sind. Schon stehen viele hochmotivierte Mitspielerinnen am Start und würfeln sich in die erste Runde. Jeder möchte auf schnellsten Weg zum perfekten Körper kommen. Ab nun wird alles Süße gestrichen, das Abendessen ausgelassen und stattdessen der Körper in Form gebracht. Mit Disziplin und Willenskraft holen die tapferen Kriegerinnen das Beste aus sich heraus – und laufen doch der idealen Bikinifigur hinterher wie ein Esel der vorgehaltenen Karotte.  

Damit mich niemand falsch versteht: Richtige Ernährung und ausreichend Bewegung sind Teil eines gesunden Lebensstils. Wer mit Übergewicht kämpft und unzufrieden mit seinem Körper ist, der wird durch eine Ernährungsumstellung und durch die Veränderung seiner Essgewohnheiten zu einem neuen und besseren Köper- und Lebensgefühl finden. Jeder einzelne von uns kann sich dazu entscheiden, seine Körperform zu verändern, wenn er das möchte. Sei es nun schlanker zu sein, beweglicher zu sein oder durch Muskeltraining seinen Körper mehr Definition zu geben. Doch müssen diese gewünschten Veränderungen aus einem Wohlwollen uns gegenüber geboren werden. Dann essen wir was gut für uns ist, weil wir uns um unseren Körper und unsere Gesundheit kümmern möchten. Wir bewegen uns, weil wir dabei Spaß haben und wir uns danach noch besser fühlen. Wir lieben uns so wie wir sind und genießen unseren Körper. Wir stehen zu unserer Menschlichkeit und unserer perfekten Unperfektheit.

Das verbissene Streben nach dem perfekten Körper hat jedoch nichts mit Selbstliebe zu tun. Uns wird eingeredet, dass wir nur schön und attraktiv sind, wenn wir dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Dazu muss unser Körper schlank und straff und durchtrainiert sein. Weder Fettpölsterchen noch schlaffe Stellen dürfen das Bild stören. Ein Ideal, das von den Medien geschaffen wurde. Wer profitiert davon? Neben den Medien vor allem die Diät-, Fitness,- Wellness,- Schönheits- und Modeindustrie. Denn diese sind die großen Gewinner im Spiel um den perfekten Körper. Ein Milliardengeschäft, das auf dem Gefühl der Wertlosigkeit aufgebaut ist. Uns wird weisgemacht, dass unser Wert als Mensch durch unser Aussehen, die Zahl auf der Waage und die richtige Kleidergröße bestimmt wird. Wer nicht so aussieht, muss sich deswegen für seinen Körper schämen und sich schlecht und schuldig fühlen, weil er es nicht schafft, diesem Bild zu entsprechen. Trotzdem können wir nicht der Werbung oder den geschönten Fotos auf Instagram die Schuld geben. Denn schließlich sind wir diejenigen die entscheiden, ob wir in diesem Spiel weiter mitspielen möchten oder nicht.  

Unser Wert wird nicht dadurch bestimmt, wie viel Körperfettanteil wir haben, wie bravourös wir alle Kohlenhydrate aus unserer Ernährung streichen oder wie viele Stunden wir täglich trainieren, damit wir zu Sommerbeginn die heiß ersehnte Bikinifigur haben. Wir sind wertvoll, weil wir hier auf der Welt sind. End of story!

Wird diese ganze „ich-muss-eine-Diät-machen-und-esse-nie-nie-nie-wieder-Schokolade-weil-ich-fürchterlich-im-Bikini-aussehe-Geschichte“ nicht langsam langweilig? Haben wir nicht genug von all dem Drama um das „richtige“ Aussehen? Verlassen wir doch das alte Spiel, schnappen wir uns den Bikini, den Badeanzug oder die Badehose und zeigen wir uns in unserer Einzigartigkeit! Lasst uns alle die Natur, den See, das Freibad genießen, fröhlich sein und Spaß haben! Was hält uns noch davon ab?

Martina Tischer

04.06.2020