food and soul

Der Apfelbaum

Unser Apfelbaum im Garten trägt heuer besonders viele Früchte. Es ist ein „Klarapfelbaum“, eine alte Apfelsorte mit gelblich-grüner Schale und weißem, säuerlichen Fruchtfleisch. Die Klaräpfel gehören zu den frühen Sorten und werden schon Mitte Juli reif. Kaum eingesammelt, liegen bald wieder Äpfel im Gras, die durch ihre Reife und Schwere nicht mehr vom Baum getragen werden können und herunter plumpsen.

Am besten schmecken die Äpfel, wenn man sie ganz frisch isst. Lagert man sie, werden sie schnell mehlig und trocken und faulen rasch. Also gehe ich morgens barfuß durch das vom Tau nasse Gras und lege die heruntergefallenen Früchte in ein Körbchen. Viele Äpfel sind durch den Aufprall angeschlagen, in einigen ist sogar der Wurm drinnen. In meiner Küche mache ich mich sogleich daran, alles wegzuschneiden was nicht essbar ist. Am Schluss bleibt nur ein kleines Schüsselchen mit herrlich duftenden Apfelschnitzen übrig, daneben eine ziemlich große Menge an Abfall für den Komposthaufen.

Während ich voller Genuss die kleinen Apfelspalten verzehre, lasse ich meine Gedanken schweifen. Dieser Apfelbaum im Garten ist wie unser Leben. Seine Früchte sind die Erlebnisse die wir haben, und die Erfahrungen die wir machen. Oft stolpern und fallen wir im Gewirr der Herausforderungen, und es ist schwer wieder aufzustehen. Doch wir rappeln uns trotzdem auf, putzen das Unschöne von uns ab und machen weiter. Um vielleicht bald wieder zu stolpern. Wir sammeln Ballast, tragen ihn mit uns herum. Wir werden von Menschen verletzt, die unbedacht und gefühllos durchs Leben gehen. Doch auch sie haben ihre eigenen Verletzungen und angeschlagenen Stellen, genau wie manche Äpfel, genau wie wir. Der Wurm ist drinnen in unserem Leben. Im Job oder in der Beziehung, oder im Umgang mit uns selbst. Vielleicht sogar überall. Wir hadern mit uns und geben dem Leben die Schuld, weil es uns ständig nur „faule Äpfel“ beschert.

Doch irgendwann reicht es uns, wir haben genug vom unzufrieden sein und holen uns unsere Kraft und unseren Mut zurück. Dann fangen wir an mit dem „ausschneiden“: Wie möchten wir unser Leben gestalten? Welche Menschen tun uns nicht mehr gut? Was gehört zu uns, was hat uns jemand anderer „angehängt“? Wir schneiden die angeschlagenen Stellen weg, das nicht Essbare, das Unverdauliche. Stängel und Kerngehäuse und dunkle Punkte. Kleine Würmer werden entfernt. Dunkle Gedanken werden weggeputzt.

Ab nun entscheiden wir ganz bewusst was wir „essen“ - was wir in unser Leben lassen - und was nicht. Übrig bleibt das Gute, das Schöne, das Heile. Der Frieden. Wir in unserer Essenz. Übrig bleibt ein Schüsselchen mit duftenden Apfelschnitzen. Übrig bleibt die Freude. Die Freude an der Einzigartigkeit unseres Lebens an diesem herrlichen Sommertag.

 

Foto: unsplash.com

 

Martina Tischer

27.07.2018